Dresdner KULTURMAGAZIN 04/98

www.handbook.org

KUNST IM OEFFENTLICHEN RAUM: EIN KUENSTLERBUCH IM INTERNET

von Susanne Altmann


Hände und deren diverse Haltungen wollte er eigentlich studieren. Dafür sammelte der Maler Hans Witschi unzählige Zeitungsphotos, auf denen derlei Gliedmassen zu sehen waren.

Bald begannen die grauweissen Abbildungen menschlicher Tentakel ein Eigenleben jenseits von Studienobjekten zu führen. Ein Dickicht von Gesten und Handlungen tat sich auf; Sinn und Zweck von Bewegungen verschwanden in einem nachgerade universellen Ornament.

Unversehens fand sich der in New York City lebende Schweizer (*1954 Luzern) mitten in dem Mammutprojekt eines "Handbuches" im Wortsinn. Welche Ordnung konnte er den fragmentarisierten Gliedmassen aufzwingen? Was hatten sie jenseits ihrer Bindung an ein politisches oder soziales Ereignis, jenseits eines Zusammenhanges noch zu sagen? Das Buch der Hände und Arme wurde nun, um nicht in ein (vielleicht ebenso interessantes) Endlosband zu münden, gegliedert.

Ganz einfach wurde begonnen: Die linke und die rechte Hand (Kategorie A 01-10). Die einzelne Hand (B 01-15). Arme (F 01-14). Die nicht vollzogene Berührung (I 01-05) und andere. Dabei entstand, eher zufällig, eine gleichsam entwicklungsgeschichtliche Reihe. Die beiden Hände der Kategorie A standen für ursprüngliche Einheit. Es folgte die Separation (B - die Einzelhand), die Witschi mit Abtrennung bzw. gar mit Geburt gleichsetzt. Nun folgt das Ergründen der Aussenwelt mit der "Hand am Objekt", danach Kontaktaufnahme durch die "Hand, die eine andere berührt". Die Sinnbilder führen weiter über "Wachstum und ldentität" ("Arme" Kat. F) bis hin zu "Übergang und Unvermeidlichkeit" (s.o., Kat. I) und damit bis zum Ende des Erdenlebens.

Mit dieser Arbeit entstand ein einzigartiges Künstlerbuch, anfassbar und ausfaltbar, das ein zeitloses Welttheater menschlichens Strebens am Exempel der Hand inszeniert. Gemäss unserem Ordnungsbedürfnis und der ewigen Sehnsucht nach Stabilität zerfielen diese Kategorien wieder in numerierte Untergruppen, die nun in überschaubare Friese aufgeklebt wurden.

Das gewichtige Werk, mit Erfolg in der New Yorker Kunstbuchhandlung "Ursus Books" zu betrachten, wird ab 23. April in der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern (Graphische Sammlung) ausgestellt. Darüber hinaus kann es weltweit (also: ww) eingesehen und schonend umgeblättert werden. Mit der Anlage der Webseite "Handbook" konnte Witschi eine visuelle Gleichzeitigkeit der einzelnen "Hand"lungsstränge erreichen, die das papierene Werk niemals erreicht.

Im Gegensatz zur "physischen Variante" des Werkes bietet das virtuelle Buch eine Einordnung des Einzelmotives in einen Chorus und eine fast geologisch anmutende Sedimentierung von Masse an. Qua Verkleinerungsmodus können die einzelnen Bänder wie Schriftrollen untereinander gelegt werden und dann wieder spielerisch grossgezoomt werden. Die Überschau über die graphisch sehr eindrucksvollen Friese wird dem "Handbuch" als entwicklungsgeschichtliches Epos gerechter als es eine Präsentation in einer Museumsvitrine vermöchte.

Seit je dienten von rechts nach links lesbare Friese, zumindest im Abendland dazu, Heilsgeschichte oder andere schwergewichtige Genesen zu vermitteln. Von der Höhlenmalerei über Giotto di Bondone bis hin zu Diego Rivera ziehen sich die erzählenden Bilder durch die Historie.

Insofern denkt und handelt Witschi explizit als traditioneller Maler. Die Gemälde, mit denen er bekannt geworden ist, operieren häufig mit dem "Erschrecken vor Dingen, deren Bedeutung sich nicht sofort erschliesst" (0-Ton H.W.).

Anthropomorphe Wesen krümmen sich in einem Vakuum und scheinen trotz oder gerade wegen ihrer Farbigkeit Ängste zu verkörpern. Die temporäre Abwendung von der Leinwand ist für den Künstler aus dem East Village auch ein Sich-Sammeln gewesen; über das ganz buchstäbliche Sammeln und Anhäufen von Bildern hinaus.

Es kann hier nicht Aufgabe sein, eine Apologie für eine solche Selbstverständlichkeit wie Kunst im Internet zu verfassen. Die Präsenz auf der Homepage bot dem "Manual" Hans Witschis eine neue Qualität. Diese wird jedoch mit dem Aufspringen auf den Medienzug modehalber nicht hinreichend erklärt. In der ausschliesslichen Verwendung von Zeitungsphotos hat Witschi eine Art "verpersönlichte Pop Art' geschaffen und bedient sich mit dem lnternetz eines Verbreitungsmediums, das getrost mit dem Siebdruckverfahren der Ur-Popkünstler verglichen werden darf.

Also bitte keine Schwellenangst und auch kein Pioniergefühl mehr beim Aufrufen von "www.handbook.org". Es liegt als aufgeschlagenes Buch nur ein paar "Hand"griffe von uns entfernt.